Blickt man voraus, so ist kein Weg vorgezeichnet, deutet nichts darauf hin, wo der Bug sich als nächstes den Weg bahnen wird.
Blickt man indes zurück, so verliert sich die Spur, die man an der Wasseroberfläche hinterlassen mit der nächsten, spätestens aber mit der übernächsten Welle.
Ringsum gibt es kein einziges Merkmal, mittels dessen Peilung sich das Vorwärtskommen feststellen ließe – nur dank der technischen Instrumente läßt sich der Weg manifestieren.
Eingebettet im Rhythmus dieser Welt hat man das Gefühl zeitlos zu sein, ja, fast sogar raumlos, vor allem des Nächtens, wenn die Grenze zwischen dem Wasser und dem Horizont sich in der Dunkelheit verwischt.
Aber wir sind. Jetzt und hier. Das ist reichlich und genügt.
An Geräuschen gibt es die des Meeres und des Windes.
Um uns ist Meer.
Aber was ist es? Mit welchen Worten, welchen Adjektiven läßt es sich fassen? Mächtig, uralt, ewiglich, zeitlos, (ur-)kräftig, feindlich, freundlich, kameradschaftlich, höflich, kulant, unbezwingbar, gutmütig, bösartig, lachend…?
Vor allem während der Nachtwachen beobachte ich es, lausche ich ihm, versuche es zu erfahren. Gelernt habe ich, dass es einfach: ist. Das Meer entzieht sich der Vermenschlichung schlicht und ergreifend dadurch, dass es den Menschen in seinen Rahmen weist, ihm sagt, dass er ein Teil dieser Welt ist – nicht Krone, als die er sich selber so gerne sieht, noch Herrscher, zu dem er sich gerne aufschwingt (und das Wissen es nicht zu sein läßt ihn in kindlichem Trotz die Welt zerstören), einfach nur ein Teil.
(Vielleicht gelingt einem das Zulassen dieser Erkenntnis an Land um so viel schwerer, weil man dort umgeben ist von den Auswirkungen des trotzigen Rundumschlagens, und sich dann sofort mit dem Akzeptieren des Teilseins das schlechte Gewissen und die Schuldgefühle einstellen.)
Dem Meer vermochte der Mensch bis dato kaum sichtbare Zeichen seiner Existenz, nicht ihm seinen Fortschrittsfetisch aufzwingen. Es mag für Leif Ericson, Christobal Colomb, Magellan, Francis Drake und die vielen namenlosen Seefahrer genauso ausgesehen haben, wie es nun mir vor die Augen tritt, oder aber auch nicht, denn sieht man den Wellen zu, glaubt man Zwillinge zu erkennen, nur um schon im nächsten Augenblick ihre feine Differenziertheit zu verstehen. Auch im Rauschen verlieren sich vermeintliche Muster in einer Nuanciertheit, die in all ihren Feinheiten festzuhalten wohl ein musikalischeres Gehör als das meine bedürfe.
Das Meer also ist. Einfach so.
Und ich als Mensch bin glücklich und froh zu fühlen, dass ich ein Teil des Ganzen, der Welt, bin, dem auch die Ozeane angehören. Mit diesem Zugehörigkeitsgefühl aber löst sich der Druck, sich einen Bezugsrahmen schaffen, das eigene Sein auf dieser Welt rechtfertigen zu müssen, in dem man dem Leben einen Sinn aufzwingt.
Vom Meer kann man lernen, zu sein. Es fließt dahin als Teil des Ganzen, steht in engerer oder lockerer Beziehung zu anderen Teilen, wandelt sich ohne sich zu verwandeln zu lassen, gibt sich auf ohne sich zu verlieren und wertet nicht.
Auch das entspannt: Fernab des Gefühls, ständig einer Bewertung ausgeliefert zu sein, gewogen zu werden. Meine Wertigkeit liegt nur in der Wahrnehmung einer einzelnen Person, nämlich mir selber.
Das Meer aber ist auch Spiegel der eigenen, innersten Emotion und hilft einem damit, sich selber kennen zu lernen.
Erscheint es einem feindlich, düster, drohend und bösartig? Welche Angst frißt da in mir, die es loszulassen gilt?
Nehme ich es als freundlich, spielerisch, jubilierend wahr? Welch Keim des Glücks sprießt da in mir, den zu hegen es gilt?
Das Meer ist mir also Spiegel, ist mir Lehrer – bin ich für eine Lektion bereit, steht sie zur Verfügung. Nicht aufgezwungen wird sie, sondern angeboten. Ich brauche nur zu lauschen, zu schauen, offen zu sein.
Und losgelöst von dem viel zu selten hinterfragten Regelwerk der Zivilisation, der vom Menschen ausgerufenen Herrschaft über diese Welt, werde ich zu dem, was der Mensch immer schon war: Teil des Ganzen.
Wenn mich nun jemand fragt, was ich denn mitnehmen möchte von diesem Abenteuer, das eigentlich nur Leben heißt, so ist es dieses Gefühl, diese Gewissheit und die damit verbundene Zufriedenheit.
Fragt mich aber jemand, ob ich nun denn endlich weiß, was ich will, wer ich wirklich bin abseits dieses Teilseins, dann kann ich nur mit der Schulter zucken. Aber vielleicht komme ich da auch noch drauf!
2 Kommentare:
berührend...
...indeed...
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