Im Endeffekt kann man sagen, dass nicht der Tag das Leben an Bord bestimmt, sondern die Nacht – genauer, der Wachrhythmus.
Jetzt gibt es durchaus Boote auf denen die Crews das nächtliche Wachehalten, freundlich ausgedrückt, nicht sehr enthusiatisch betreiben, aber das fällt für mich fast unter die seglerische Version des russischen Roulettes, kann man sich doch nie sicher sein, wann man auf Berufsschiffahrt oder, noch gefährlicher, weil sicher nicht ausweichend, Fischer trifft. Die oft und mit großen Augen erzählte Gefahr treibender Container fällt meiner Einschätzung nach allerdings eher unter Seemannsgarn – ich habe bis jetzt keinen Segler getroffen, der mit einem solchen einen Zusammenstoß gehabt oder nur einen gesichtet hätte – was zugegebener Maßen nahezu ein Ding der Unmöglichkeit ist.
Bei uns an Bord der Maverick jedenfalls sieht der Rhythmus des Ausguckhaltens so aus: Ab ungefähr Sonnenuntergang bis –aufgang wird im 3 Stundenrhythmus abgelöst. Für Andreas und mich hat sich herausgestellt, dass dies die Wachdauer ist, die gerade noch durchhaltbar ist – alles darüber hinaus ist ausschließlich für die Schlafphase ein Genuß.
Nach einigem Hin und Her hat sich es so eingespielt, dass Andreas in der Regel die erste Wache von 20:00 bis 23:00 (diese wie alle folgenden Zeitangaben in UT) übernahm, ich dann entsprechend alternierend dazu. Da die Hundekoje, die ich normalerweise bei Flaute oder im Hafen belege, auf See nicht verwendbar ist – sie liegt quasi im Wachraum – teilen wir uns die ‚Ownerscabin’. Wir wechseln uns also nicht nur im Steuerhaus ab, sonder auch in der Koje. Während mein Bruder auf das normale Bettzeug zurückgreift, benütze ich meinen Schlafsack, wodurch die Frage nach der Hygiene auch beantwortet sein sollte.
Diese erste Wache aber definiert den ganzen Tag: Meistens lege ich mich so gegen 18:00, 19:00 schon schlafen um dann fit zu sein – Andreas hingegen holt sich seine ‚Extraschlafzeit’ in der Früh, nachdem ich ihn um 05:00 ablöste.
Damit ergibt sich schon automatisch, dass auch bei Tageslicht meistens nicht beide im Cockpit oder im Steuerhaus sind, sondern jeweils einer sich unter Deck ausruht, ein Nickerchen hält oder liest.
Üblicherweise begann der Tag für mich also früh, mit Sonnenaufgang während meiner letzten Nachtwache – ein Umstand, den ich besonders liebe, ja, es ist dies meine liebste Zeit an Bord. Sobald es hell wird, und damit das Sichtfeld wesentlich weiter, mache ich mir Frühstück und widme mich dann meinem Tagebuch. (Ich lese oder schreibe ich in der Nacht auf Wache nicht, halte die Verdunkelung des Bootinnern eisern ein – mit Ausnahme zum Nehmen der Position – und stehe auch überwiegend im Freien, da dort die Sicht besser ist.)
Mit Andreas gemeinsam dann gibt’s nur mehr einen Kaffee oder Tee so gegen 10:00. (Anschließend folgt die Morgentoilette: Zähneputzen mit Salzwasser.) Da er in der Regel ansonsten nichts zu frühstücken pflegt, paßt es für uns beide gut, wenn ich um ca. 13:00 zu kochen anfange. Auf See gestaltet sich Kochen etwas anstrengender als in den eigenen vier Wänden – mit heißem Wasser hantiert es sich einfach schlechter, wenn man zwei Hände für den Topf und eben so viele für sich selbst zum Anhalten benötigen würde.
Das ‚Menü’ aber ist wenig abwechslungsreich: Reis, Nudeln oder Couscous mit Paradeisersoße, Gemüse (Salzgurken oder Oliven mehrheitlich) oder, selten, Hartwurst und Käse. Nicht der Geschmack oder der Gusto bestimmen hier, sondern alleine Wasserbedarf, Lagerfähigkeit, Haltbarkeit und Gasverbrauch beim Kochen selbst – und alles für nur einen Topf!
Nach dem Essen wird wieder abwechselnd geruht und verdaut, dann der oft gemeinsame Nachmittagstee oder –kaffee und anschließend der vielgehaßte Abwasch.
Die restliche, nicht klar definierte Zeit dazwischen dient entweder dem Boot, dem Segeln selber – in Form von Segelmanövern, die schon einmal über eine Stunde dauern können, bis wieder das Optimum aus Wind und Kurs herausgeholt ist, der nautischen Bestandsaufnahme – also Position nehmen und in die Karte übertragen, Kursüberprüfen und –berechnung – dem Lesen und Schreiben oder aber irgendwelchen Reparaturen. Auf einem Boot gibt es einfach immer etwas zu tun – und man sollte es dann auch gleich erledigen. Man kann nämlich nie wissen, wann sich das nächste Mal dazu Zeit findet, manchmal eben erst wieder - zu spät…
Wobei das Schreiben sich durch die Schiffsbewegung durchaus anstrengend gestaltet und zur raschen Ermüdung führt – mehr als einmal fielen mir über dem Tagebucheintrag auch bei Sonnenlicht die Augen zu.
Zu den Segelmanövern ist zu sagen, dass wir manchmal zwei Tage mit einer Einstellung Kurs halten konnten, für uns überraschend und vom Küstensegeln her völlig ungewohnt.
Das Abendessen wiederum nahmen wir getrennt ein, jeder auf seiner Wache – oder aber es viel ganz aus.
Einige aufmerksame LeserInnen mögen sich fragen: Was ist mit Körperpflege?!
Ganz einfach: Sie reduziert sich auf das Zähneputzen und hin und wieder auf die Benützung von Babyfeuchttüchern. Wer jetzt aber die Nase rümpft und sich ein Boot vorstellt, in dem eine Geruchsmischung a lá Gruft herrscht, dem sei gesagt, dass schon alleine durch die reduzierte Ernährung sich die Ausdünstung des Körpers dergestalt ändert, dass man wirklich nicht stinkt. Als Einschränkung dazu sei gesagt, dass wir bis jetzt nicht durch heiße Gefilde gesegelt sind – selbst zwischen Portugal und den Kanarischen Inseln, also querab von Afrika, blieben der Himmel bewölkt und die Temperaturen moderat, wodurch auch kein starkes Schwitzen oder ein gesteigertes Kühlungsbedürfnis eingetreten wären.
Als Fazit kann man sagen, dass, obwohl der Wohnraum auf einem knapp 11m langem Segelboot äußerst begrenzt ist, wir uns die meiste Zeit ‚nicht begegnen’.
Und so reiht sich ein Tag an den anderen, wird die Routine unterbrochen von Sturmtagen oder größeren Reparatureinsätzen. Aber das ist nachzulesen in einem anderen Blogeintrag: ‚Notizen – Die erste Etappe: Zwischen Deauville und Las Palmas’.
1 Kommentare:
just4thx
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